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Dienstag, 28. Oktober 2014

Interpretationen

Im Deutschunterricht in der Oberstufe gilt es irgendwann, Kurzgeschichten zu interpretieren. Im Gegensatz zu den meisten anderen fand ich das immer einigermaßen interessiert. Und bei manchen Deutschlehrern kommt es dann vor, dass manche Interpretationen als falsch bezeichneten werden. Die gute @Scheinprobleme (angehende Deutschlehrerin) hat mir erklärt, dass das natürlich nur bei nicht nachvollziehbaren Interpretationen der Fall sein sollte. Meistens hab ich bei den Kurzgeschichten- und Gedichtinterpretationen nur die vorgebebenen Punkte abgearbeitet (Inhalt, Personen, Stilmittel etc.) was zwar langweilig, aber im tollen Schulsystem halt der beste Weg zu einer guten Note ist. Natürlich hab ich immer ein bisschen interpretiert, wie sich das halt gehört, aber meist kann eh einiges Offensichtliches leicht rauslesen. Einmal ist mir aber tatsächlich eine richtige Interpretation eingefallen, bei Heinrich Bölls »An der Brücke«. Und prompt stand dann in Rotstift daneben »Das kann man so nicht sagen!«. Natürlich weiß ich nicht, ob meine Interpretation richtig war, aber meiner Meinung nach war es eine gute Idee und einigermaßen nachvollziehbar, wenn man den Hintergrund des Autors kannte. Wahrscheinlich hat es nicht so gemeint, aber kann man das so genau wissen? Und in einer Interpretation kann man doch auch schreiben, was die Geschichte für einen selbst als Leser aussagt, man weiß nicht immer die Intention des Autors, und diese ist doch auch nicht zwingend das einzig Relevante (siehe »Tod des Autors«).

Zum Autor: Heinrich Böll war ein Vertreter der sogenannten Trümmerliteratur (deutsche Post-WWII-Literatur).

Es folgt mein Aufsatz, relevant ist eigentlich nur der letzte Absatz, der Rest ist nur Blabla. Soweit ich weiß, hab ich den Text mit 16 geschrieben. Am besten solltet ihr vorher die Kurzgeschichte lesen, die ist nicht besonders lang und recht gut.

An der Brücke

In der Kurzgeschichte »An der Brücke« von Heinrich Böll geht es um einen Kriegsinvaliden aus dem Zweiten Weltkrieg, der in der Nachkriegszeit eine Arbeit bekommen hat, bei der er sitzen kann: Er zählt wie viele Menschen jeden Tag über eine bestimmte Brücke gehen.

In dem Text handelt es sich die ganze Zeit über um einen Ich-Erzähler, dessen Namen man nicht erfährt. Man erfährt, dass er sich in der Vergangenheit schwere Verletzungen an den Beinen zuzog, er kann nicht mehr stehen. Da die Kurzgeschichte von Heinrich Böll stammt, kann man aus diesen Information schließen, dass der Ich-Erzähler im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Dafür spricht auch die Erwähnung einer »neuen Brücke« (3).
   Der Protagonist sitzt jeden Tag an einer Brücke und zählt, wie viele Menschen vorbeigehen. Das Ergebnis muss er jeden Tag seinen Vorgesetzten mitteilen. Dadurch hat er eine gewisse Macht über diese, denn je nachdem, ob es an einem Tag viele oder wenige waren, gehen sie glücklich beziehungsweise unglücklich schlafen. Sie sind davon überzeugt, dass der Ich-Erzähler ihnen immer die exakte Anzahl an Personen mitteilt, aber je Laune sagt er ihnen eine höhere oder niedrigere Zahl.
   Die Anzahl wird durch einen weiteren Umstand verfälscht: Zweimal am Tag geht eine Frau über die Brücke, in die der Ich-Erzähler verliebt ist. Während dieser Zeit betrachtet er nur sie und zählt weder sie noch die anderen Personen. Als er einmal kontrolliert wird, zwingt er sich dazu, seiner Geliebten nicht nachzuschauen und am Ende teilt im der Oberstatistiker mit, er hätte sich nur um eins verzählt. Das liegt daran, dass er seine Geliebte ausließ, weil er nicht wollte, dass sie Teil der Berechnungen der Statistiker wurde. Am Ende bekommt er die Aussicht auf eine Versetzung zu den Zählern der Pferdewagen, was ihn mit Freude erfüllt.

Heinrich Böll erzählt die Kurzgeschichte zeitraffend, als er den Tagesablauf der Hauptfigur beschreibt. Am Ende, beim Gespräch mit dem Oberstatistiker, handelt es sich eher um Zeitdeckung. Ganz am Anfang gibt es einen Rückblick: »Die haben mir die Beine geflickt und haben mir einen Posten gegeben, wo ich sitzen kann.« (1-2)

In »An der Brücke« gibt es nur wenige ausdrücklich erwähnte Personen, aber auch von denen kennt man die Namen nicht.
   Über den Protagonisten, der gleichzeitig der Ich-Erzähler ist, erfährt man nur durch die indirekte Personencharakterisierung etwas, nämlich durch seine eigenen Gedanken. Er ist ein Kriegsinvalider, der aufgrund einer Verletzung an den Beinen nicht mehr stehen kann. Er genießt die Macht, die er über seine Vorgesetzten, die Statistiker hat, und nutzt sie auch, je nachdem, ob er gut oder schlecht gelaunt ist, was auch davon abhängt, ob er etwas »zu rauchen« hat. Man erfährt nur von einer Person, dass er sie schätzt, anscheinend hat er sonst niemanden (mehr) im Leben, der ihm etwas bedeutet. Er traut sich nicht, Kontakt zu seiner Geliebten aufzunehmen, nur am Ende denkt er darüber nach, es doch zu tun. Er scheint sie sehr zu leben, was er mit einer Wiederholung betont. (»Ich liebe sie. Es ist ganz klar dass ich sie liebe.« (51-52))  Nur einmal beschreibt er sich selbst direkt: »Ich bin ein unzuverlässiger Mensch […]« (14) Er mag seinen Job bei der Brücke anscheinend nicht besonders, er langweilt sich offenbar, was er wieder durch Wiederholungen wie »den ganzen Tag, den ganzen Tag« (5) oder »zählen, zählen« (40) zum Ausdruck bringt.
   Über die »kleine Geliebte« (31) des Ich-Erzählers erfährt man nicht viel, nur dass sie »zweimal am Tage« (31) über die Brücke geht, wahrscheinlich einmal von zu Hause zur Arbeit in der Eisdiele und wieder zurück. Sie hat lange braune Haare und zarte Füße.
   Außerdem gibt es noch den »Oberstatistiker«, der die Hauptfigur eines Tages kontrolliert, und der ihm helfen will, dass er »zu den Pferdewagen versetzt« (71) wird, und den »Kumpel, der auf der anderen Seite sitzt und die Autos zählen muss« (48-50) und welcher den Ich-Erzähler warnt, dass der Oberstatistiker ihn kontrollieren wird. Und er ist anscheinend ein Freund des Protagonisten, da dieser ihn mit »Kumpel« (53) beschreibt.

Im gesamten Text gibt es nur eine direkte Rede, und zwar als der Oberstatistiker den Protagonisten lobt: »Eins in der Stunde verzählt […]« (68) Der Rest des Textes besteht aus Beschreibungen des Erzählers und innerem Monolog von diesem. Der Ich-Erzähler beschreibt seine Arbeit und mittels innerem Monolog erfährt man seine Gedanken, welche Meinung er von den Statistikern hat und was er über seine Geliebte denkt.

Über den Ort des Geschehens, die »neue Brücke« (3), erfährt man nicht viel, nur dass sie wahrscheinlich nach dem Krieg an den Platz einer zerstörten alten trat, dass sie von Autos befahren und täglich von vielen Menschen (»und wenn mein Herz aufschlägt […] lasse ich meine Großzügigkeit in einer fünfstelligen Zahl verströmen.« (21-22)) überquert wird.

Die Kurzgeschichte ist vom Sprachlichen her relativ leicht zu verstehen. Böll verwendet zumeist eher kurze Sätze, nur wenn er die Tätigkeit der Statistiker beschreibt, macht er das mit langen Sätzen und komplizierteren Wörtern. (»Und dann fangen sie an zu multiplizieren, zu dividieren, zu prozentualisieren […] (25-26))
   Der Autor beginnt im Perfekt, als er einen Rückblick in die Vergangenheit des Protagonisten macht. Der immer gleiche Tagesablauf des Ich-Erzählers auf der Brücke wird im Präsens erzählt, der Tag der Kontrolle wieder im Perfekt. Am Ende wechselt Heinrich Böll noch einmal ins Präsens und in den Konjunktiv.
   Auch einige sprachliche Zielmittel kommen vor, Metaphern wie »meinen stummen Mund« (39) und »blinde Augen« (42), die bereits erwähnten Wiederholungen und ein Redensart: »Mein Herz hat mir geblutet.« (64)

Der Text hat gattungstypisch einen direkten Einstieg, man erfährt nur, dass sich die Hauptfigur an den Beinen verletzt hatte. Auch der Schluss ist genretypisch eher offen, man weiß nicht genau wie es mit dem Leben des Protagonisten weitergeht, ob er zu den Pferdewagenzählern kommt, und ob er sich aus seinem eintönigen Leben befreien wird können. Ebenso erfährt man weder die Namen der Figuren noch den der Stadt beziehungsweise des Ortes in dem die Handlung spielt respektive sich die Brücke befindet.

Ich vermute, dass der Autor mit den Menschen, die der Ich-Erzähler zählen muss und die von den Statistikern in Rechnungen verpackt werden, die Opfer des Zweiten Weltkriegs meint, über die es ja auch Hunderte von Statistiken und mehr oder weniger aussagekräftige riesengroße Zahlen gibt. Die Geliebte steht für alle geliebten Menschen, die die Überlebenden während des Krieges verloren haben. Genau wie die Hauptfigur wollen natürlich auch diese Menschen nicht, dass ihre Toten Angehörigen in nichtssagende Zahlen und Diagramme verpackt werden, denn das ist nicht gerade eine Respekterweisung, den Toten wie den Überlebenden gegenüber.
   Mich spricht der Text an, weil er einerseits das Schicksal eines Kriegsinvaliden beschreibt, und, wenn man den tieferen Sinn betrachtet, auch auf die Problematik der moralischen Richtigkeit von Statistiken über den Zweiten Weltkrieg eingeht. Aber ich finde auch, dass es solche schockierenden Zahlen schon auch geben muss, um einen zum Nachdenken zu bewegen. Trotzdem führt zum Beispiel der »Besuch« eines ehemaligen Konzentrationslagers diese Aufgabe sicher besser aus.

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