Im
Deutschunterricht in der Oberstufe gilt es irgendwann, Kurzgeschichten zu interpretieren.
Im Gegensatz zu den meisten anderen fand ich das immer einigermaßen
interessiert. Und bei manchen Deutschlehrern kommt es dann vor, dass manche
Interpretationen als falsch bezeichneten werden. Die gute @Scheinprobleme
(angehende Deutschlehrerin) hat mir erklärt, dass das natürlich nur bei nicht
nachvollziehbaren Interpretationen der Fall sein sollte. Meistens hab ich bei
den Kurzgeschichten- und Gedichtinterpretationen nur die vorgebebenen Punkte
abgearbeitet (Inhalt, Personen, Stilmittel etc.) was zwar langweilig, aber im
tollen Schulsystem halt der beste Weg zu einer guten Note ist. Natürlich hab
ich immer ein bisschen interpretiert, wie sich das halt gehört, aber meist kann
eh einiges Offensichtliches leicht rauslesen. Einmal ist mir aber tatsächlich
eine richtige Interpretation eingefallen, bei Heinrich Bölls »An der Brücke«. Und prompt stand dann in Rotstift
daneben »Das kann man so nicht sagen!«. Natürlich weiß ich nicht, ob meine
Interpretation richtig war, aber meiner Meinung nach war es eine gute Idee und
einigermaßen nachvollziehbar, wenn man den Hintergrund des Autors kannte. Wahrscheinlich
hat es nicht so gemeint, aber kann man das so genau wissen? Und in einer
Interpretation kann man doch auch schreiben, was die Geschichte für einen
selbst als Leser aussagt, man weiß nicht immer die Intention des Autors, und
diese ist doch auch nicht zwingend das einzig Relevante (siehe »Tod des Autors«).
Zum
Autor: Heinrich Böll war ein Vertreter der sogenannten Trümmerliteratur
(deutsche Post-WWII-Literatur).
Es
folgt mein Aufsatz, relevant ist eigentlich nur der letzte Absatz, der Rest ist nur Blabla. Soweit
ich weiß, hab ich den Text mit 16 geschrieben. Am besten solltet ihr vorher die Kurzgeschichte lesen, die ist nicht besonders lang und recht gut.
An der Brücke
In der Kurzgeschichte »An der Brücke« von Heinrich Böll geht es um einen
Kriegsinvaliden aus dem Zweiten Weltkrieg, der in der Nachkriegszeit eine
Arbeit bekommen hat, bei der er sitzen kann: Er zählt wie viele Menschen jeden
Tag über eine bestimmte Brücke gehen.
In dem Text handelt es sich die ganze Zeit
über um einen Ich-Erzähler, dessen Namen man nicht erfährt. Man erfährt, dass
er sich in der Vergangenheit schwere Verletzungen an den Beinen zuzog, er kann
nicht mehr stehen. Da die Kurzgeschichte von Heinrich Böll stammt, kann man aus
diesen Information schließen, dass der Ich-Erzähler im Zweiten Weltkrieg
gekämpft hat. Dafür spricht auch die Erwähnung einer »neuen Brücke« (3).
Der
Protagonist sitzt jeden Tag an einer Brücke und zählt, wie viele Menschen
vorbeigehen. Das Ergebnis muss er jeden Tag seinen Vorgesetzten mitteilen.
Dadurch hat er eine gewisse Macht über diese, denn je nachdem, ob es an einem
Tag viele oder wenige waren, gehen sie glücklich beziehungsweise unglücklich
schlafen. Sie sind davon überzeugt, dass der Ich-Erzähler ihnen immer die
exakte Anzahl an Personen mitteilt, aber je Laune sagt er ihnen eine höhere
oder niedrigere Zahl.
Die
Anzahl wird durch einen weiteren Umstand verfälscht: Zweimal am Tag geht eine
Frau über die Brücke, in die der Ich-Erzähler verliebt ist. Während dieser Zeit
betrachtet er nur sie und zählt weder sie noch die anderen Personen. Als er
einmal kontrolliert wird, zwingt er sich dazu, seiner Geliebten nicht
nachzuschauen und am Ende teilt im der Oberstatistiker mit, er hätte sich nur
um eins verzählt. Das liegt daran, dass er seine Geliebte ausließ, weil er
nicht wollte, dass sie Teil der Berechnungen der Statistiker wurde. Am Ende
bekommt er die Aussicht auf eine Versetzung zu den Zählern der Pferdewagen, was
ihn mit Freude erfüllt.
Heinrich Böll erzählt die Kurzgeschichte
zeitraffend, als er den Tagesablauf der Hauptfigur beschreibt. Am Ende, beim
Gespräch mit dem Oberstatistiker, handelt es sich eher um Zeitdeckung. Ganz am
Anfang gibt es einen Rückblick: »Die haben mir die Beine geflickt und haben mir
einen Posten gegeben, wo ich sitzen kann.« (1-2)
In »An der Brücke« gibt es nur wenige
ausdrücklich erwähnte Personen, aber auch von denen kennt man die Namen nicht.
Über
den Protagonisten, der gleichzeitig der Ich-Erzähler ist, erfährt man nur durch
die indirekte Personencharakterisierung etwas, nämlich durch seine eigenen
Gedanken. Er ist ein Kriegsinvalider, der aufgrund einer Verletzung an den
Beinen nicht mehr stehen kann. Er genießt die Macht, die er über seine
Vorgesetzten, die Statistiker hat, und nutzt sie auch, je nachdem, ob er gut
oder schlecht gelaunt ist, was auch davon abhängt, ob er etwas »zu rauchen«
hat. Man erfährt nur von einer Person, dass er sie schätzt, anscheinend hat er
sonst niemanden (mehr) im Leben, der ihm etwas bedeutet. Er traut sich nicht,
Kontakt zu seiner Geliebten aufzunehmen, nur am Ende denkt er darüber nach, es
doch zu tun. Er scheint sie sehr zu leben, was er mit einer Wiederholung
betont. (»Ich liebe sie. Es ist ganz klar dass ich sie liebe.« (51-52)) Nur einmal beschreibt er sich selbst direkt:
»Ich bin ein unzuverlässiger Mensch […]« (14) Er mag seinen Job bei der Brücke
anscheinend nicht besonders, er langweilt sich offenbar, was er wieder durch
Wiederholungen wie »den ganzen Tag, den ganzen Tag« (5) oder »zählen, zählen«
(40) zum Ausdruck bringt.
Über
die »kleine Geliebte« (31) des Ich-Erzählers erfährt man nicht viel, nur dass
sie »zweimal am Tage« (31) über die Brücke geht, wahrscheinlich einmal von zu
Hause zur Arbeit in der Eisdiele und wieder zurück. Sie hat lange braune Haare
und zarte Füße.
Außerdem gibt es noch den »Oberstatistiker«, der die Hauptfigur eines
Tages kontrolliert, und der ihm helfen will, dass er »zu den Pferdewagen
versetzt« (71) wird, und den »Kumpel, der auf der anderen Seite sitzt und die
Autos zählen muss« (48-50) und welcher den Ich-Erzähler warnt, dass der
Oberstatistiker ihn kontrollieren wird. Und er ist anscheinend ein Freund des
Protagonisten, da dieser ihn mit »Kumpel« (53) beschreibt.
Im gesamten Text gibt es nur eine direkte
Rede, und zwar als der Oberstatistiker den Protagonisten lobt: »Eins in der
Stunde verzählt […]« (68) Der Rest des Textes besteht aus Beschreibungen des
Erzählers und innerem Monolog von diesem. Der Ich-Erzähler beschreibt seine
Arbeit und mittels innerem Monolog erfährt man seine Gedanken, welche Meinung
er von den Statistikern hat und was er über seine Geliebte denkt.
Über den Ort des Geschehens, die »neue
Brücke« (3), erfährt man nicht viel, nur dass sie wahrscheinlich nach dem Krieg
an den Platz einer zerstörten alten trat, dass sie von Autos befahren und
täglich von vielen Menschen (»und wenn mein Herz aufschlägt […] lasse ich meine
Großzügigkeit in einer fünfstelligen Zahl verströmen.« (21-22)) überquert wird.
Die Kurzgeschichte ist vom Sprachlichen her
relativ leicht zu verstehen. Böll verwendet zumeist eher kurze Sätze, nur wenn
er die Tätigkeit der Statistiker beschreibt, macht er das mit langen Sätzen und
komplizierteren Wörtern. (»Und dann fangen sie an zu multiplizieren, zu
dividieren, zu prozentualisieren […] (25-26))
Der
Autor beginnt im Perfekt, als er einen Rückblick in die Vergangenheit des
Protagonisten macht. Der immer gleiche Tagesablauf des Ich-Erzählers auf der
Brücke wird im Präsens erzählt, der Tag der Kontrolle wieder im Perfekt. Am
Ende wechselt Heinrich Böll noch einmal ins Präsens und in den Konjunktiv.
Auch
einige sprachliche Zielmittel kommen vor, Metaphern wie »meinen stummen Mund«
(39) und »blinde Augen« (42), die bereits erwähnten Wiederholungen und ein
Redensart: »Mein Herz hat mir geblutet.« (64)
Der Text hat gattungstypisch einen direkten Einstieg, man erfährt nur, dass
sich die Hauptfigur an den Beinen verletzt hatte. Auch der Schluss ist genretypisch
eher offen, man weiß nicht genau wie es mit dem Leben des Protagonisten
weitergeht, ob er zu den Pferdewagenzählern kommt, und ob er sich aus seinem
eintönigen Leben befreien wird können. Ebenso erfährt man weder die Namen der
Figuren noch den der Stadt beziehungsweise des Ortes in dem die Handlung spielt
respektive sich die Brücke befindet.
Ich vermute, dass der Autor mit den Menschen,
die der Ich-Erzähler zählen muss und die von den Statistikern in Rechnungen
verpackt werden, die Opfer des Zweiten Weltkriegs meint, über die es ja auch
Hunderte von Statistiken und mehr oder weniger aussagekräftige riesengroße
Zahlen gibt. Die Geliebte steht für alle geliebten Menschen, die die
Überlebenden während des Krieges verloren haben. Genau wie die Hauptfigur
wollen natürlich auch diese Menschen nicht, dass ihre Toten Angehörigen in
nichtssagende Zahlen und Diagramme verpackt werden, denn das ist nicht gerade
eine Respekterweisung, den Toten wie den Überlebenden gegenüber.
Mich
spricht der Text an, weil er einerseits das Schicksal eines Kriegsinvaliden
beschreibt, und, wenn man den tieferen Sinn betrachtet, auch auf die
Problematik der moralischen Richtigkeit von Statistiken über den Zweiten
Weltkrieg eingeht. Aber ich finde auch, dass es solche schockierenden Zahlen
schon auch geben muss, um einen zum Nachdenken zu bewegen. Trotzdem führt zum
Beispiel der »Besuch« eines ehemaligen Konzentrationslagers diese Aufgabe
sicher besser aus.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen